timo-janca
Wascha Pschawela hat mich in die Berge gelockt. Hier in Tschargali, einer Siedlung, die aus einer Straße besteht, an der sich bescheidene Gehöfte aneinanderreihten, endete die Route des Minibusses auf dem sandigen Wendeplatz. Zur Linken erstreckte sich ein Tal, zur Rechten standen drei Bungalows herum, die als Hausmuseum des Dichters dienen, welcher sich zur Zeit der Romantik Legenden über die Völker an der Schnittstelle zwischen Tschetschenien und dem zu Georgien gehörenden Chewsuretien ersann. Immer wieder war es von Seiten der Tschetschenen zu Raubzügen gekommen, dennoch liest sich das bekannte Poem Aluda Ketelauri eher wie ein Versöhnungsversuch. Der Chewsurete Aluda nimmt unwissentlich den Tschetschenen Muzal auf, welcher an den Überfällen beteiligt gewesen war. Die Dorfgemeinschaft fordert die Herausgabe des Feindes. Ihm solle die rechte Hand abgeschlagen werden. Aluda steckt in der Zwickmühle. Gastfreundschaft ist bei den Chewsureten mit der Verantwortung für die Unversehrtheit des Gastes verbunden. Auch hält Aluda das christliche Gebot der Nächstenliebe für den Feind in Ehren. Dagegen stehen Wohl und Tradition der Dorfgemeinschaft über dem Individuum. Aluda muss sich entscheiden.
Eine weniger dramatische Zwickmühle erwartete mich beim Erreichen des Hausmuseums von Wascha Pschawela. Der Fahrer des Minibusses stellte mir ein Ultimatum von einer halben Stunde, um mich umzusehen. Danach wolle er in die Stadt zurückkehren, für mich sei dies die einzige Verbindung am heutigen Tag. Ich dankte ihm für die Information und machte mich zur Tür des Museums auf, die verschlossen war. Enttäuscht blickte ich mich um. Auf dem staubigen Rundplatz stand der Bus. Der Fahrer war verschwunden. Mein Blick fiel neben das Museum auf ein kleines Rundtheater. Dort saßen zwei Jungen und musterten mich neugierig. Ratlos wies ich auf die Tür. Sie näherten sich und deuteten auf das gegenüberliegende Häuschen. Also bewegte ich mich dort hin. Erneut kam ich am Bus vorbei. Unvermittelt tauchte der Fahrer auf und fragte mich, ob ich mit ihm zurückfahren wolle. Ich verneinte und bewegte mich auf das Häuschen zu. Im Vorgarten stand ein älterer Herr, der mich verwundert anstarrte. Die Jungen kamen hinzu und erklärten ihm auf Kartwelisch, was ich wolle. Kurz verschwand der Herr hinter seiner Haustür. Als er wieder auftauchte, baumelte ein Schlüsselbund an seiner Hand. Klimpernd wies er mich an, ihm zu folgen. Wir gingen am Bus vorbei, wo mir der Fahrer ein letztes Mal signalisierte, einzusteigen. Meine Schritte lenkten mich unabänderlich zur behäbigen Pforte, die sich mir öffnete. Dahinter standen Räume voll mit Notizbüchern und Schreibzeug des Dichters, an den Wänden hingen Zeichnungen und Ölbildchen. Kaum eine halbe Stunde später stand ich wieder auf dem Rundplatz und schaute mich um. Sollte ich etwa die Tradition der Gastfreundschaft austesten? Langsam schlenderte ich die Straße entlang, die Häuser streiften an mir vorüber. Schon erreichte ich die Hauptstraße, wo der Minibus nach Pschavi eingebogen war. Nach rechts führte die Strecke tiefer in die Berge, wo die Siedlung Schatili lag, welche in den Poemen des Dichters beschrieben wurde. Nach links führte der Weg die Hügel und Berghänge hin zur Aufstauung des Flusses, an dem sich die Feste Ananuri erhob, in der einst der legendäre König Dawit Zuflucht gefunden hatte.
Aus meinen Gedanken schreckte mich ein heranfahrender Jeep auf. Daraus stiegen zwei Männer des Dorfes aus, bestaunten mich und wollten wissen, aus welchem Himmel ich wohl gefallen war. Zuerst machten wir ein paar fröhliche Gruppenfotos, dann setzte sich einer der Männer in seinen Jeep und telefonierte. Auf einmal rauschten zwei schwarze Limousinen heran. Hinter den verdunkelten Scheiben war niemand zu sehen. Plötzlich stoppten sie, ein junger stämmiger Mann mit Sonnenbrille stieg aus. Belustigt schaute er auf mich und die zwei Dorfbewohner. Dann sprach er mich auf Englisch an und fragte mich, ob ich mich verlaufe habe. Darauf erwiderte ich, dass es eigentlich mein Vorhaben gewesen sei, das legendäre Bergdorf zu besichtigen. Er überlegte kurz, ging zu den Limousinen und sprach mit den nicht sichtbaren Insassen. Schon kam er zurück und informierte mich, dass Schatili das Ziel ihrer Reisegruppe sei und ich mitfahren könne. Gerne nahm ich das Angebot an und stieg in eine der abgedunkelten Limousinen. Die Insassen stellten sich kurz vor und lachten, als ich erklärte, dass ich Deutscher sei. Gleich verwiesen sie mich darauf, dass ihr Wagen ebenfalls von dort komme. Gleich brausten wir weiter, die Strecke wurde schmaler und verengte sich. Auf einer Seite wuchsen die Hügel zu Bergen heran, auf der anderen ging es steil hinab. Nach einem kurzen Stopp am Pass erreichten wir schließlich die gut versteckte Bergsiedlung Schatili. An den Hängen der Felsen klebten die aus Schieferstein aufgeschichteten Wehrtürmchen. Holzplanken verbanden die hochgelegenen Zugänge. Drinnen sollten wir unsere Unterkunft finden. Am Abend ging es zu einem feierlichen Bankett zwischen den Steinburgen. Der Tschatscha floss in Strömen, sodass die Szenerie zunehmend verschwamm, allein der Blick auf die Milchstraße blieb ungetrübt. Einer meiner Reisegefährten lief zum Wagen, öffnete den Kofferraum und kam mit ein paar Pistolen herbei. In den Bergen hört dich niemand schreien, dachte ich mir noch. Jetzt stellte er sich neben mich, entsicherte und ballerte in den Sternenhimmel. Alles lachte, als ich zusammenzuckte. Auch mal versuchen, wurde ich aufgefordert. Dankend lehnte ich ab. Die nächste Erinnerung kam am Morgen, als wir aufbrachen, um bis an den Grenzposten nach Tschetschenien zu fahren. Als der Weg zu Ende ging, stiegen wir aus und erneut ging der Griff in den Kofferraum. Zweite Chance? Auch dieses Mal lehnte ich ab. Also führten die anderen ihre Schießübungen durch, bis wir in den Wagen einstiegen. Danach führte uns der Weg in die Hauptstadt zurück, wo ich an einer der Minibusstationen herausgelassen wurde. Von dort schleppte ich mich ins Hostel zurück, wo ich in mein Etagenbett fiel und eindämmerte.